18. 11. 1997 (Quelle: Stern 47/97) VON MICHAEL STOESSINGER
Volker Rühe eilte in freudiger Mission nach Laage bei Rostock. Auf dem Territorium des einstigen Klassenfeindes verkündete der Verteidigungsminister im Frühherbst dieses Jahres den Soldaten des Jagdgeschwaders 73 die vermeintlich frohe Botschaft: Sie seien die ersten, die ab 2002 den neuen Eurofighter fliegen dürften. Doch von Begeisterung keine Spur.
Gedrückte Stimmung in den Reihen der Luftwaffenelite.
Der Eurofighter ist für deutsche Soldaten die
schwerste Heimsuchung in Friedenszeiten. Der Flieger ist
instabil, nicht leistungsstark genug, am Radar kinderleicht
zu orten, zu unbeweglich und zu schwach bewaffnet. Selbst
die Bordkanone für den eventuellen Nahkampf ist von
vorgestern. Sie soll - die Restposten müssen weg - aus
dem Alpha Jet übernommen werden. Der Jäger
»für das nächste Jahrtausend«
(Rühe) firmiert in Soldatenkreisen inzwischen unter
dem Kampfnamen »ZahnloserTiger«.
Voraussichtlich schon in dieser Woche soll der Deutsche Bundestag das umstrittene Milliardenprojekt absegnen. Und damit im Parlament die Mehrheit für den Eurofighter sicher ist, machte ein riesiger Pressestab mobil. Minister Rühe selbst schob noch einen als Drohung verbrämten Appell an die Vaterlandspflichten der Sozialdemokraten nach: »Ich rechne mit der Zustimmung einiger Sozialdemokraten. Die können sich nämlich sonst gleich aus ihrem Wahlkreis verabschieden, wenn dort Aufträge und Arbeitsplätze verlorengehen.«
Rühes Motto »Je schwächer das Produkt,desto schriller das Marketing« zeigte Wirkung. Der SPD-Finanzexperte Rudolf Purps sprach sich Anfang November im Haushaltsausschuß des Bundestages für den neuen Jäger aus. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder »unterstützt die Position«.
Jobs, Jobs, Jobs - der Faszination neuer, Tausender
Arbeitsplätze - vornehmlich in Süddeutschland -
können sich die Politiker in Bonn und in den
Bundesländern offenbar kaum noch entziehen. Dabei
sollen sie jetzt über ein gemeinsam mit
Großbritannien, Italien und Spanien entwikkeltes
Rüstungsprojekt entscheiden, das in Zeiten des Kalten
Krieges konzipiert wurde und technologisch auf dem Stand
der 80er Jahre fliegt. Zahlen sollen dafür die ohnehin
schon schwer geschröpften Steuerbürger. Allein die
Anschaffung der 180 Kampfjets wird über 23 Milliarden
Mark verschlingen. In den nächsten Jahrzehnten werden
weitere 67 Milliarden fällig. Finanzierungsrisiken
sind da noch nicht eingerechnet. Unterm Strich dürften
über 100 Milliarden Mark stehen.
Kein Wunder, daß die Rüstungs- und Soldatenlobby die Tarn- und Täuschmanöver über die wahren Kosten und das wirkliche Können des neuen Jagdflugzeugs zur Meisterschaft entwickelt haben. Mal sollte der nackte Flieger 58 Millionen Mark kosten (»Fly-away«), der Systempreis (inklusive Ersatzteile, Bodenservice, Ausbildungsund Schulungsgeräte) bei 103 Millionen Mark liegen. Zuletzt schnellten die »Flyaway«-Kosten auf 99,1 Millionen Mark hoch, der Systempreis pro Maschine auf 144,5 Millionen Mark. Alle Kalkulationen natürlich exklusive Bewaffnung.
Der Bundesrechnungshof dagegen kommt in seiner jüngsten Expertise zu einem ganz anderen Ergebnis. Danach liegt der Preis für einen kompletten Flieger bei knapp 160 Millionen Mark.
Um die Kosten wenigstens einigermaßen im Griff zu halten, wurde der Eurofighter technologisch abgespeckt. Für den SPD-Politiker und ehemaligen Luftwaffengeneral Manfred Opel taugt der »Flieger«, wie er jetzt dem Parlament zur Entscheidung vorgelegt wird, »nur für Sonntägliche Luftschauen«. Flugzeugbau-Ingenieur Opel: »Weil der Eurofighter zu schwer ist, kommt er nicht hoch genug, kommt nicht schnell genug um die Kurve und kann weniger an Bewaffnung mitnehmen als erforderlich.« Die europäische Antwort amerikanische Hochtechnologie sei den Piloten schon allein aus Sicherheitsgründ derzeit nicht zuzumuten. Das Verteidigungsministerium, mit den Schwächen des Kampfliegers konfrontiert, wollte sich kurzfristig nicht äußern.
Die Forderung nach einem »modernen« Jagdflugzeug stammt aus der Zeit des kalten Krieges, als sich an der deutsch-deutschen Grenze die beiden Militärblöcke Nato und Warschauer Pakt hochgerüstet gegenüberstanden. Schon im streng geheimen Beschaffungsplan der Bundeswehr (1985-1997) taucht der JŠger der neunziger Jahre auf - damals noch zum Stückpreis 17,5 Millionen Mark. Die Militärs rechneten, so steht es in Strategiepapieren des Verteidigungsministeriums, mit einem »massiven Nukleareinsatz von Anfang an«. Ein Kampfflugzeug wurde braucht, das feindliche Bomber schon auf dem Warschauer-Pakt-Territorium abfangen kann. Weil die Vorwarnzeit extrem kurz war, wegen Grenznähe maximal eine Stunde votierten die höchsten Militärs für ein schnelles und agiles Jagdflugzeug ab »Mitte der Neunziger«, das der Bedrohungslage angepaßt sein mŸsse: »Schutz in der Tiefe Raumes und an den Flanken
Die Bedrohungslage von einst existiert nicht mehr. Deutschland ist nicht mehr Frontstaat. Die ehemaligen Warschauer-Pakt-Länder Polen, Ungarn und Tschechien werden demnächst der Nato beitreten, mit Rußland bes eine Partnerschaft für den Frieden. Mit dem »Umbruch in Europa«, räumt Verteidigungs-Staatssekretär Gunnar Simon in einem internen Vermerk ein, sind »großangelegte Angriffe entfallen«. Deutschen, sagt Volker gern, seien von Freunden umzingelt. Dennoch aber, so Simons krause Logik, müsse im Frieden die »nationale Lufthoheit« gewahrt, im Krieg der Luftraum zum »Schutz der Bevölkerung« sichergestellt werden. Und natürlich soll sich der Jäger bei internationalen Kriseneinsätzen jenseits der Bündnisgrenzen bewähren.
Um die Bonner Parlamentarier zu überzeugen, bestellte das Verteidigungsministerium bei Wirtschaftsminister Günther Rexrodt ein flankierendes Strategiepapier. Der schwärmt folgsam von »weit mehr als 10000 Arbeitsplätzen« und einer Technologie, die künftig überall eingesetzt werden könne: beim Bau von Reaktoren und Kraftwerken etwa, in der Kraftfahrzeugindustrie. Selbst in der Medizintechnik könnten die Eurofighter-Erkenntnisse zum Einsatz kommen. Neue, Lasergestützte Skalpelle für den chirurgischen Erstschlag?
Tatsächlich werden unter der Federführung der Daimler-Tochter Dasa in Deutschland in erster Linie Rumpfteile gefertigt. Um Kosten zu sparen, wurde auf das aufwendige Kunststoff-Design verzichtet. Nur die Außenhaut (»Beplankung«) ist aus Kunststoff. Folge: Der Eurofighter legte an Gewicht zu, das vertraglich vereinbarte Leergewicht (»Trockengewicht«) von unter zehn Tonnen konnte nicht erreicht werden. Das Bundeswehrbeschaffungsamt verwies schon 1995 auf Konstruktionsmängel, die zur Gewichtszunahme führen müßten. Aber die Dasa sei, so eine Protokollnotiz des Wehramtes, nicht bereit gewesen, entsprechendes Material auszuhändigen, »da ihr dies von der Leitung EF (Eurofighter, d. Red.) strikt untersagt wurde«. Das Gewicht des Eurofighters wuchs so um rund zehn Prozent, seine Beweglichkeit sank.
Ungelöst sind die Probleme mit dem Radar, das in Zeiten der Hochtechnologie noch über eine mechanische Antenne arbeitet. Die Abgasdüsen sind starr - modernste Maschinen können über den Abgasstrahl extrem manövriert werden. Das Flugsteuerungssystem (FCS, Flight Control System) - Herzstück der Maschine -ist mit einem veralteten Mikrochip bestückt. Die Tarnfähigkeit (»Stealth«) des Eurofighters ist zudem extrem eingeschränkt. Wegen der überdimensionalen Luftschleusen und der großen Seitenruder ist die Maschine leicht zu orten. Der Eurofighter, sagt Opel, signalisiere durch seine große Radarrückstrahlfläche »jedem Gegner schon aus großer Entfernung, jetzt komme ich«.
Auch auf die lebenswichtigen elektronischen Nato-Identifizierungs- und Selbstschutzsysteme NIS und MAW wurde aus Kostengründen verzichtet. Schon 1993 hielt der damalige Systemmanager im Verteidigungsministerium in einem Vermerk fest. »Die Neuentwicklung eines modernen Jagdflugzeuges ohne ausreichende elektronische Selbstschutzeinrichtung stellt die Gesamtentwicklung in Frage.«
Was die wenigsten Parlamentarier wissen: Dem Eurofighter fehlt ein eigenes Waffensystem. Nach Meinung von Wehrexperten ist die Kampfmaschine um das amerikanische Waffensystem Amraam herumgebaut. Die Europäer seien damit von den Amerikanern abhängig. Das kann kostspielige Folgen haben-. Sollten im n&uaml;chsten Jahrtausend deutsche Kurz- und Mittelstreckenraketen entwickelt sein, müßte die Maschine für Milliarden umgerüstet werden. Und an der Leistungsgrenze geflogen ist der Eurofighter bis heute nicht.
Im Frühjahr schwante einigen Ministern, was da auf sie zukommt. Im Kabinett kam es sogar zu einer kurzen verbalen Rebellion gegen das Projekt. Die vorherrschende Meinung damals: Ein neues Jagdflugzeug für Milliarden passe bei leeren Sozial- und Staatskassen nicht in die politische Landschaft. Weil aber schon über acht Milliarden Mark allein in die Entwicklung geflossen waren, hatte das Projekt bereits im Frühjahr den point of no return erreicht.
Im Sommer dieses Jahres erhöhte die Industrie dann noch einmal den Druck auf die wankelmütigen Politiker. »Wenn wir und unsere Zulieferfirmen in den nächsten Wochen keine verbindliche Zusage für die Beschaffung bekommen«, so Dasa-Chef Manfred Bischoff in einem STERNInterview (Nr. 24/1997), sei er gezwungen, »aus der Serienvorbereitung auszusteigen«. Im Oktober gab das Bundeskabinett schließlich grünes Licht, Anfang November zogen Haushalts- und Verteidigungsausschuß des Bundestages nach. Ein parlamentarischer Blindflug.
International gilt der Eurofighter schon heute als Milliardenpleite. Die Amerikaner sind bereits eine Generation weiter - basteln zudem am unbemannten Jäger, dem die Zukunft gehört. Für US-Experten machen die europäischen Milliarden-Investitionen etwa soviel Sinn, »als würde man Geld für Kavallerie und Musketen ausgeben«.
Gesichert ist vor dem Votum der deutschen Volksvertreter diese Erkenntnis: Der Eurofighter kann fliegen. Aber das, sagt der ehemalige Luftwaffengeneral Manfred Opel, »kann auch ein Scheunentor, wenn man zwei Jet-Triebwerke darunter hängt«.