Schüler wehren sich:
500 Teilnehmer bei Demo gegen Schulschließungen
Ein Gefühl von Macht bekamen gestern etwa 500 Mädchen und Jungen, als sie gegen
Schulschließungen und Kürzungen im Bildungsbereich durch die Innenstadt demonstrierten. Sie
hatten eine Stunde lang die Macht, den Verkehr anzuhalten. Doch ansonsten fühlen sich viele von
ihnen ohnmächtig. Katja Ludwig aus der 11. Klasse des Marie-Curie-Gymnasium ist zwar zur
Demonstration gekommen, aber fürchtet trotzdem, wenig bewirken zu können. "Wenn die im
Ministerium sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt haben, werden sie das wohl auch
durchsetzen", ist sie fatalistischer, als es eine 17jährige sein sollte. Die Fünfklässler aus dem
Annengymnasium sind noch hoffnungsvoller. "Der Unterricht bei uns macht soviel Spaß, da können
sie das Gymnasium doch gar nicht schließen", meinen die frischgebackenen Gymnasiasten Karoline,
Claudia, Roland, Sindy und Richard. Auch Eltern sind gekommen wie Jan und Berit Kaboth, die um
die Grundschule in Niederpoyritz kämpfen. "Voriges Jahr zum 100. Geburtstag der Schule wünschte
Landtagspräsident Iltgen in seiner Festrede noch Glück für die nächsten 100 Jahre. Und jetzt soll die
Schule geschlossen werden", sagt Jan Kaboth.
"Wir sind die Zukunft", skandieren die Schüler auf ihrem Weg durch die Wilsdruffer Straße zum Rathaus. Daß die Kinder so für ihre Bildung kämpfen, sei doch fantastisch, freut sich Ursula Spatz, eine Touristin, aus Hamburg, die der Demo vom Straßenrand aus zusieht. "Wer tut denn sonst auch etwas für sie?", fragt sie rhetorisch. Fragen stellen auch die Kinder auf ihren Transparenten. "Eurofighter oder Schulbücher?" heißt es da zum Beispiel. In ihrer Klasse gäbe es nicht genug Schulbücher für alle, auch die Mittel für Experimente in Physik und Chemie reichten nicht, erzählen Kathleen Hubert und Brita Weymann vom Wustmann-Gymnasium. Und da nicht genug Bücher da wären, müßte mehr kopiert werden. Aber auch das Geld für Kopien reiche nicht aus, berichten Lehrerinnen vom Annengymnasium. Friederike Warlich meint, bevor über Schulschließungen zu sprechen sei, müsse man über Reduzierung der Klassenstärke nachdenken. "30 Kinder in einer 5. Klasse sind nicht vertretbar. Da kann man sich einfach nicht allen Schülern mit der nötigen Aufmerksamkeit widmen", sagt die Lehrerin.
Aufmerksamkeit ist es auch, was die Schüler von Politikern wollen. Gestern zur Demo meldeten sich
Christine Ostrowski (PDS) und Steffi Ramstahler (Bündnis 90/Die Grünen) zu Wort, die beide dafür
plädierten, bei der Entscheidung über die Schulschließungen die richtigen Prioritäten zum Wohle der
Kinder zu setzen. Einen schlechteren Stand als die beiden VertreterInnen der Opposition hatte
Dezernent Wolf-Dieter Müller (CDU) als Vertreter der Stadtverwaltung. Unter Pfiffen und Buhrufen
verwies er auf Sachzwänge, sinkende Schülerzahlen und darauf, daß noch keine Entscheidung
gefallen sei.
Indes haben manche Schüler für sich schon weitreichende Entscheidungen getroffen. Anja Apelt, Vertrauenslehrerin des Stadtschülerrates die die Demo organisiert hat, spricht von einer Begebenheit, die, sie traurig gemacht habe. Drei Mädchen ihrer Klasse hätten im Unterricht gesagt, daß sie keine Kinder wollten, aus Angst um deren Zukunft, auch was die Bildung beträfe.
Heidrun Hannusch