"Kein Monopol für Boeing"

04. 06. 2000 (Quelle: Berliner Zeitung von Petra Wache)


EADS-Chef Rainer Hertrich überA3XX, Börsengang und Bundeswehrreform

Am morgigen Dienstag beginnt die Luft- und Raumfahrtausstellung ILA in Berlin-Schönefeld. Erstmals präsentiert sich dort der neue europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS, dessen designierter Co-Chef Rainer Hertrich wichtige Weichenstellungen für die europäische Luft- und Raumfahrt erwartet.

Auf der ILA soll die Entscheidung über den Bau des A3XX bekannt gegeben werden. Eine Reihe großer Airlines hat konkretes Interesse angemeldet. Heißt das, der A3XX wird gebaut?

Ich bin schon seit langem fest davon überzeugt, dass der A3XX gebaut wird. Und jetzt ist auch der Markt soweit. Denn der Luftverkehr wächst jährlich um fünf Prozent. Und für den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg von Airbus ist es auch entscheidend, dass wir eine vollständige Produktpalette anbieten können. Wir können unserem Wettbewerber Boeing kein Monopol und damit auch keine Monopoleinnahmen erlauben. Der Airbus-Aufsichtsrat wird sich auf der ILA treffen und über den A3XX beraten. Ich kann das Ergebnis der Sitzung nicht vorwegnehmen, aber ich bin zuversichtlich.

Wie wird die Aufgabenteilung zwischen Hamburg und Toulouse aussehen? Vor allem, wo findet die Endmontage statt?

Auch über die Endmontage wird der Aufsichtsrat von Airbus Industrie beraten. Hier geht es aber nicht um eine politische, sondern um eine wirtschaftliche Entscheidung. Wir brauchen ein Endmontagekonzept, das die vorhandenen Fähigkeiten und Kapazitäten der Partner wirtschaftlich optimal miteinander verbindet.

Offenbar will die Bundesregierung die A400M von Airbus als neuen Militärtransporter anschaffen und nicht die russisch-ukrainische Antonow. Minister Scharping wünscht nun allerdings beim A400M eine Kooperation mit Russland und der Ukraine. Ist das realistisch?

Frankreich, Belgien, Spanien, Italien, die Türkei und Großbritannien haben bereits signalisiert, dass sie für ihre Luftstreitkräfte die A400M beschaffen wollen. Auch Deutschland scheint sich nun in Richtung auf das europäische Programm zu bewegen. Das ist eine sehr gute Nachricht, auch für den deutschen Arbeitsmarkt. Ob es den Regierungen und der Industrie gelingt, bei der A400M eine Kooperation mit Russland und der Ukraine zu erreichen, prüfen wir derzeit. Wir sind jedenfalls dazu bereit.

Sie beklagen schon seit längerem den schrumpfenden investiven Anteil am Verteidigungshaushalt. Wie bewerten Sie unter diesem Aspekt die Vorschläge zur Bundeswehrreform?

Für mich ist zunächst bemerkenswert, dass die Weizsäcker-Kommission unsere strategische Entscheidung zu einer Fusion mit unseren französischen und spanischen Partnern zur European Aeronautic Defence and Space Company (EADS) als richtig und beispielhaft hervorgehoben hat. Das bestätigt uns auf unserem Weg. Im Übrigen hat die Weizsäcker-Kommission natürlich Recht, wenn sie in allen zentralen Zukunftsthemen bei der Bundeswehr massiven Nachholbedarf feststellt. Hierfür müssen der Finanzminister und der Deutsche Bundestag dem Verteidigungsminister die notwendigen finanziellen Mittel einräumen. Großer Nachholbedarf besteht nach dem Bericht vor allem in den Bereichen Aufklärung und Überwachung, Transport, Führung und Kommunikation. Und das sind genau die technologischen Fähigkeiten, auf die wir in den letzten Jahren unseren Verteidigungsbereich ausgerichtet haben.

Auch die staatliche Technologieförderung für die Luft- und Raumfahrt wurde in den letzten Jahren zurückgeführt. Benötigen große Konzerne wie die EADS überhaupt solche Förderung?

Grundsätzlich muss ich Ihnen sagen, dass ich lieber heute als morgen auf staatliche Technologieförderung verzichten würde. Doch das müsste dann auch für unsere Wettbewerber gelten. Für die US-Regierung ist die Luft- und Raumfahrt eine strategische Industrie. Deshalb hat sie in den letzten Jahren beispielsweise jährlich rund eine Milliarde Dollar allein für Forschung und Entwicklung in der zivilen Luftfahrt zur Verfügung gestellt. Unser Wettbewerber Boeing hat davon jährlich rund 400 Millionen US-Dollar erhalten. Um zu vergleichbaren Wettbewerbsverhältnissen zu kommen ist die Förderung durch die europäischen Regierungen unverzichtbar.

Die EU-Kommission hat den Zusammenschluss EADS genehmigt. Jetzt streben Sie bereits Mitte Juli den Börsengang an. Weshalb diese Eile? Müssen Sie nicht erst die Anleger von der EADS überzeugen?

Sie haben Recht. Unser Tempo ist einmalig. Wir können uns das Tempo leisten, weil sich in der EADS alte Bekannte treffen. Uns unterscheidet von fast allen anderen Fusionen, dass wir bereits seit Jahrzehnten mit unseren Kollegen aus Frankreich und Spanien eng und erfolgreich zusammenarbeiten - nicht allein bei Airbus, auch im Ariane-Programm, beim Eurofighter. Ein Börsengang im Juli ist deshalb nicht zu früh.

Welche unternehmerischen Ziele hat EADS kurz- und mittelfristig?

Wir werden in Europa die Nr. 1 der Branche sein, weltweit zu Beginn die Nr. 3. Wir wollen uns aber Führungspositionen in allen Teilmärkten erarbeiten, in denen wir aktiv sind. Und wir wollen bis 2004 eine Umsatzrendite von acht Prozent erzielen. Dabei sind die Investitionen in den A3XX mit berücksichtigt.

Die Briten sind bei der EADS nicht dabei, sondern haben sich selbst als großer Konzern aufgestellt. Gleichzeitig ist BAE an Airbus beteiligt. Ist hier ein Ausstieg zu erwarten?

BAE Systems ist unser wichtigster Partner in Europa und gleichzeitig ein Wettbewerber, vor allem in einigen Bereichen der Verteidigungselektronik. Ich rechne fest damit, dass die Briten Partner bei Airbus bleiben. Wir sprechen gerade mit BAE, wie das Airbus-Konsortium in echtes Unternehmen umgewandelt werden kann. Diese Gespräche laufen gut.

Das Gespräch führte Petra Wache.



Created: 05.06.2000 Updated: 05.06.2000